Doch eines Tages waren sie weg…

Die Geschichte der Lilienthaler Familie Frank. Zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar

Das Haus in der Hauptstraße 44, in dem sich heute die Galerie Kühn befindet, wurde 1897 von Großvater Julius Frank erbaut, der dort ein Fotogeschäft eröffnete. Dieses wurde mit gutem Erfolg erst von Sohn Henry und später von Enkel Julius weitergeführt und erfreute sich künstlerisch und geschäftlich großer Beliebtheit in Lilienthal und über die Grenzen hinaus. Die jüdische Familie war fest im Ort verwurzeltAlle Familienmitglieder engagierten sich beispielsweise im Chor, im Turnverein oder bei der 700-Jahrfeier der Gemeinde. Die Lilienthaler ließen ihre Feierlichkeiten von „Julius Frank-Lilienthal“ fotografieren und so manche Schulabgänger absolvierten ihre Ausbildung dort.

Die Franks waren Nachbarn, Freunde, Vereinsmitglieder, Arbeitgeber, Engagierte. Einfach Lilienthaler seit mehreren Generationen.

Wie kann es sein, daß sich Julius Frank im Jahr 1936 gezwungen sieht, sein Haus mit sämtlichem Inventar weit unter Wert zu verkaufen, und sich in einer Nacht-und-Nebelaktion von seinem Freund Heinrich nach Hamburg fahren zu lassen, um mit einem Schiff nach Amerika zu fliehen?

Am 27. Januar 1945, also knapp 10 Jahre später, wird das Konzentrationslager Auschwitz von der sowjetischen Armee befreit und die Soldaten machen grauenhafte Entdeckungen: eine Maschinerie der Unmenschlichkeit offenbart sich in Bildern von Massenlagern, Verbrennungsöfen und Leichenbergen. Etwa 1 Mio. Menschen sind in Auschwitz ermordet worden, darunter Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle. 

Kinder, Frauen, Männer, Nachbarn, Freunde. 

Der Lilienthaler Lehrer Karl Lilienthal – ein Freund der Franks – vermerkt im Jahr 1935 in seinem Tagebuch, Julius Frank habe unter Tränen berichtet, er werde auch von Freunden nicht mehr gegrüßt und sein Geschäft werde nicht mehr aufgesucht. SA-Leute hätten Kunden vor dem Geschäft fotografiert und sie aufgefordert, das Atelier nicht mehr zu betreten. In Osterholz-Scharmbeck seien Plakate mit dem Schriftzug: „Kauft nicht bei Juden!“ aufgehängt worden. Auch beim weihnachtlichen Schauturnen des Turnvereins sei Julius die Teilnahme verwehrt worden. Die Lizenz für öffentliche Aufträge für Schulen und Behörden habe man ihm entzogen. Seine Freundin Hildegard treffe er nur noch heimlich. Bei einem der letzten Besuche, so der Tagebucheintrag, habe Julius gesagt: „Wir sind geringer geachtet als Tiere“.

Julius, seine Mutter und auch der Bruder konnten vor der Vernichtung fliehen und sich schließlich ein neues Leben in den USA aufbauen. Millionen Menschen in ganz Europa hatten diese Möglichkeit nicht und sind von den Nationalsozialisten systematisch ermordet worden. Es fing klein an: mit Diskriminierung, Einschüchterung und komplettem Ausschluss aus der Gesellschaft bis hin zum „Zivilisationsbruch“ – der Auslöschung ganzer Bevölkerungsgruppen.

Damit sich dies niemals wiederholt, gedenken wir in Trauer der Opfer und fordern alle Menschen auf, nicht nachzulassen in ihrem Kampf für ein tolerantes und weltoffenes Land, das die Menschenrechte als höchstes Gut ansieht.

Quellen:

Kühn, H. und Richter, P (2005): Als die Hoffnung starb. Simmering. Lilienthal

https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/303868/gedenken-an-die-opfer-des-nationalsozialismus

https://www.focke-museum.de/news/nachlass-julius-frank/

Artikel kommentieren

Artikel kommentieren