27.09.2019

Zur Diskussion über einen Klimanotstand in Lilienthal: Handeln, nicht abwarten!

Ein Leserbrief von unserem OV-Beisitzer Robert Levin als Reaktion auf die Diskussion zum Klimanotstand in Lilienthal und den öffentlichen Äußerungen einiger Bürger*innen im Ausschuss für Baudienste sowie in der Wümme-Zeitung.

Die Wümme-Zeitung hat den Leserbrief am 27.09.2019 in gekürzter Fassung veröffentlicht.

Es ist interessant zu sehen, wie Mitbürger, denen man wissenschaftliches Verständnis zutraut, sich beim Thema Klimakrise winden. Da wird die Resolution zur Ausrufung des Klimanotstands in Lilienthal, die die Grünen im Rat eingebracht haben, vom Tisch gewischt mit der Begründung: Wir könnten den Klimawechsel auf kommunaler Ebene gar nicht beeinflussen. Dann wird von urzeitlichen Vulkanausbrüchen und Meteoriteneinschlägen erzählt, die das Leben dezimierten, aber nicht auslöschten. Impliziert werden soll damit: Die aktuelle Klimakrise ist eine Naturkatastrophe, gegen die wir machtlos sind, wir sollten uns damit abfinden. Dass eine solche Position gern von älteren Herren mit oberlehrerhafter Attitüde vorgetragen wird, macht es nicht besser. Ob sie sich jemals fragen, wie das bei jüngeren Menschen ankommt, die noch nicht satt und zufrieden vom Sessel aus die Weltgeschichte kommentieren? Meine beiden Kinder könnten gut das Jahr 2100 erleben. Haben sie kein Recht darauf, auch dann noch einen bewohnbaren Planeten vorzufinden?

Aber zurück zur angeblichen „Naturkatastrophe“ globale Erwärmung: Für 99 % der Wissenschaftler*innen, die auf diesem Gebiet forschen, ist die aktuelle Klimaerwärmung menschengemacht, also keine Naturkatastrophe. Die Meeresbiologin Prof. Dr. Antje Boetius vom Alfred-Wegener-Institut hat das am 5. Juli in ihrem Vortrag in Murkens Hof eindrücklich bestätigt. Am CO2-Rekordwert in der Atmosphäre von 415 ppm (Stand Mai 2019) sind wir Menschen zu 40 % beteiligt.

Mich irritiert, wenn Mitbürger, die sonst für Recht und Gesetz eintreten, das völkerrechtlich bindende Klima-Abkommen von Paris, das Deutschland unterzeichnet hat, keines Wortes würdigen. Liegt es an der Verpflichtung, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad, möglichst 1,5 Grad zu begrenzen? Der Klimastreik am 20. September hat gezeigt, wie viele Menschen dies ernst nehmen – auch in unserer Region. Ihnen fühlen sich die Lilienthaler Grünen verpflichtet. Deswegen enthält ihre Klima-Resolution zwölf Maßnahmen, die Lilienthal helfen würden, sich an die Klimaerwärmung anzupassen und die Lebensqualität zu verbessern: Z.B. eine fahrrad- und fußgängerfreundlichere Gestaltung der Gemeinde, ein Stopp des Flächenfraßes, Erhalt wertvoller Bäume und Waldstücke, Förderung von Umwelt- und Klimakunde in den Grundschulen, eine Energiegenossenschaft. Und kann man ernsthaft Anpassung an den Klimawandel fordern, der mehr Starkregen und Überflutungen bringt und gleichzeitig wegschauen, wenn Grundstücke übermäßig versiegelt werden? Kaum. Das Schöne dabei ist, dass hier niemand Verbotspartei werden muss. Es reicht, die geltende Niedersächsische Bauordnung durchzusetzen.

Zum Schluss ein Vorschlag zur Güte: Wer den Begriff „Klimanotstand“ nicht mag, arrangiert sich ja vielleicht mit „Klimanotlage“. Im englischen Sprachraum wird von „climate emergency“ gesprochen. Daran, wie wir das Kind nennen, soll es nicht scheitern. Und niemand behauptet, dass Lilienthal allein die Klimakrise lösen soll. Lilienthal ist nicht allein: Bereits mehr als tausend Gemeinden, Regionen und einzelne Nationalstaaten (z.B. Frankreich und Irland) haben sich unter der Überschrift „climate emergency“ verpflichtet, aktiv zu handeln*. Sie alle zeigen: Abzuwarten ist keine Alternative.

*climateemergencydeclaration.org/climate-emergency-declarations-cover-15-million-citizens/

Robert Levin, Lilienthal, 24.09.2019

URL:http://gruene-lilienthal.de/startseite/news-detail/article/zur_diskussion_ueber_einen_klimanotstand_in_lilienthal_handeln_nicht_abwarten/